Mood-Stipendium
ERFAHRUNGSBERICHTE
Berichte von bisherigen Gewinnern

















































Philippinen 2008 - Louisa und Greta


Als wir im Dezember letzten Jahres einen Brief von Frau Meyer erhielten,
in dem uns mitgeteilt wurde, dass wir das Stipendium für einen vierwöchigen
Aufenthalt auf den Philippinen gewonnen hatten, konnten wir es erst gar nicht
glauben, obwohl ganz oben "Herzlichen Glückwunsch" in dicken Buchstaben
stand. Von dem Augenblick an begann unsere Vorfreude und Neugier, denn wir
hatten trotz intensiver Vorbereitung und Gesprächen mit Filipinos nur eine
geringe Ahnung von dem, was uns in den vier Wochen unserer Reise
erwarten würde.
Nachdem wir uns am Bremer Flughafen von unseren Familien verabschiedet
hatten, starteten wir unsere lange Reise zunächst mit einem Inlandsflug
nach Frankfurt. Am Frankfurter Flughafen verpassten wir fast unser
Anschlussflugzeug nach Manila, da das Gate verändert wurde, ohne dass
wir es bemerkten. Aber es ging nochmal alles gut und der 15-stündige Flug,
welcher für uns beide der erste nach übersee war, begann.
Wir hatten uns die 15 Stunden unendlich lang vorgestellt,
allerdings vergingen sie durch die Aufregung und nette Gespräche
mit einigen unserer vielen chinesischen Mitreisenden, die mit an
Bord waren, da wir in Guanghzou (Kanton), in Südostchina,
zwischenlandeten, sehr schnell.


Ankunft
Bei unserer Ankunft in Manila schlug uns sehr heiße Luft beim Verlassen
des Flugzeuges entgegen, und wir machten erstmals Bekanntschaft mit der
Zuvorkommenheit der Filipinos. Ein freundlicher Polizist fragte uns, ob wir
Hilfe benötigten, da wir unsere Gastfamilie nicht auf Anhieb fanden,
was daran lag, dass niemand mit Ausnahme der Passagiere in den Flughafen
darf, und es deshalb einen Abholplatz gibt, an dem die Ankommenden
alphabetisch geordnet abgeholt werden können.
Nachdem wir unseren Gastvater, unsere Gastschwester und den Fahrer
gefunden hatten, begann unsere erste Fahrt durch Manila.
Durch die Dunkelheit konnten wir schon einiges erkennen und wir
waren überwältigt von dem vielen Verkehr und den vielen Menschen,
die wir sahen. So entstand unser erster Eindruck von dieser riesigen
und schnelllebigen Stadt.


Familie
Unsere Gastfamilie bestand aus einem deutschen Vater, der seit 25 Jahren
in Manila lebt und dort eine Textilfabrik besitzt, seiner philippinischen
Frau und einer 14-jährigen Tochter. Unsere Gastmutter stammt aus einer
Provinz auf der Insel Luzon, auf der auch Manila liegt. Sie hat ökonomie
studiert, 10 Jahre lang in Honkong gearbeitet und ist nun stellvertretende
Geschäftsführerin in der Firma der Familie. Außerdem leben noch die
19-jährige Nichte unserer Gastmutter und drei Maids im Haus. Die Nichte wohnt
seit ihrem zwölften Lebensjahr bei der Familie und die Maids sind Studentinnen
aus der Provinz, die sich ihr Studium durch die Arbeit in der Familie finanzieren,
was viele junge Frauen auf den Philippinen so machen, da Maids in jeder relativ
wohlhabenden Familie angestellt sind.
Zu unserer Gastfamilie entstand ein sehr gutes Verhältnis, schon sehr schnell
fühlten wir uns vertraut und zu Hause. Mit unserer Gastschwester, die perfekt
Deutsch spricht, und deren Cousine verband uns sehr schnell ein
freundschaftliches Verhältnis. Beide erzählten uns viel von sich und ihren
Freundinnen und dem Leben auf den Philippinen. Alle waren immer
sehr freundlich, großzügig und um uns bemüht. Wir bekamen viele tolle
Dinge gezeigt und erklärt, mit der Familie machten wir schöne Ausflüge und Unternehmungen.
Wir wohnten in einem "Village", also einem mit hoher Mauer und Stacheldraht
vom restlichen Teil der Stadt abgetrennten Bereich am südlichen
Rande von Manila. Von diesen "Villages" gibt es viele in der Stadt, sie
sind für die wohlhabende Bevölkerung errichtet worden und der Eintritt ist
nur möglich, wenn man genau belegt, wohin man möchte und zu wem. Bei dem
Wort "Village" dachten wir zuerst an etwas ganz kleines mit höchstens 20 Häusern,
dies ist aber nicht richtig, so leben beispielsweise in dem "Village"
unserer Familie 80.000 Menschen. Das Haus unserer Gastfamilie war
wunderschön, wir hatten ein eigenes Zimmer, durften uns frei im Haus
bewegen und im Pool schwimmen.


Schule
Mit unserer Gastschwester zusammen besuchten wir die European International
School Manila, die aus der deutschen und der französischen Schule besteht.
Die deutsche Schule ist identisch mit einem Gymnasium in Deutschland und
wird hauptsächlich von Kindern besucht, die für kurze Zeit, meistens 2-3 Jahre
mit ihren Eltern aus beruflichen Gründen in Manila leben.
Unsere Gastschwester besucht diese teure Privatschule, damit sie
gut Deutsch lernt. Jedes Mal, wenn wir die Schule betraten, waren wir aufs
Neue beeindruckt, denn so eine Schule hatten wir bis dahin noch nie gesehen.
Das Gebäude war schön und sehr gepflegt. Es gab eine Bücherei mit
freiem Zugang zu PCs, jeder Klassenraum war mit mindestens einem Computer
ausgestattet, es gab ein extra Kunstgebäude, einen Outdoorpool, einen
riesigen Sportplatz und eine gut funktionierende und abwechslungsreiche
Cafeteria. Außerdem waren die Lehrer alle super-motiviert und wir hätten
sogar kurzfristig noch eine Studienfahrt mitmachen dürfen, bei der es darum ging
zu tauchen und Wasserproben zu nehmen. Leider war das nicht zu realisieren, da
unser Rückflug nach Bremen am gleichen Tag ging, an dem wir wiedergekommen wären.

Wir nahmen an verschiedenen Unterrichtsstunden teil, größtenteils die der 10.
Klasse und stellten fest, dass die Unterrichtsinhalte fast identisch mit den
unseren sind. So konnten wir richtig gut am Unterricht teilnehmen, denn in
fast allen Fächern behandelten wir in Bremen gerade die gleichen Themen.
Was uns am meisten faszinierte war, dass die 10.Klässler sogar das gleiche
Erdkundebuch hatten wie wir!


Ausflug nach Legaspi
Um die Osterfeiertage herum fuhren wir mit unserer Gastmutter und -schwester,
der Cousine und dem Fahrer nach Legaspi City, der Stadt, aus der unsere
Gastmutter stammt, während unser Gastvater geschäftlich in Myanmar war.

In Legaspi besuchten wir die Familie unserer Gastmutter, die uns wie
Familienmitglieder aufnahm, obwohl wir ihnen ja eigentlich völlig fremd
waren. Alle waren sehr interessiert an unserem Leben in Deutschland.
Die Familie lebte so, wie es auf den Philippinen üblich ist, nämlich in
einer Großfamilie, deren Häuser dicht nebeneinander liegen, so dass man
viel Zeit miteinander verbringen kann.

Während unseres Aufenthaltes in Legaspi City erlebten wir, abgesehen vom
Kennenlernen einer traditionell philippinischen Familie, verschiedene Dinge.
So liefen wir frühmorgens an Karfreitag mit der ganzen Familie einen
steilen Hügel hoch, bei dem am Wegesrand weiße Kreuze angebracht waren.
An jedem Kreuz hielten die Filipinos an und beteten. Da die meisten
Filipinos streng katholisch gläubig sind, ist dies an Karfreitag eine
Tradition. Später nahmen wir noch an einer Karfreitagsprozession teil,
bei der Jesus Geschichte, von Geburt bis Auferstehung, durch Figuren auf Wagen
erzählt wird. Tausende von Menschen begleiteten die Prozession am Straßenrand.

Die Landschaft auf den Philippinen ist wunderschön, es gibt viele Reisterrassen,
tolle Strände und Vulkane. Wir besichtigten den Vulkan Magayon, von dem gesagt
wird,er sei wegen seiner Form, die wie mit dem Lineal gezeichnet scheint,
der schönste Vulkan der Welt.

Allerdings ist der Magayon noch aktiv, und wir sahen ebenfalls die
Katastrophengebiete des letzten Ausbruchs vor zwei Jahren, die noch heute
deutlich von den Lavaströmen und ihrer Zerstörung gekennzeichnet sind.

Zwei Tage fuhren wir auch an den Strand und badeten mit unserer Gastschwester
im Pazifik. Das war sehr lustig, da wir auch Wassersport wie Windsurfen oder
Wasserski betrieben, allerdings bekamen wir beide, trotz intensiven Eincremens
einen Sonnenbrand.


Manila
Mit unserer Gastfamilie und Bekannten aus der Schule unternahmen wir in Manila
ebenfalls viel. Durch die großen Entfernungen in dieser riesigen Metropole war
es für uns schwer, selbstständig in andere Teile der Stadt zu kommen, da unsere
Familie uns auch nicht gerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren
lassen wollte, weil diese als unsicher gelten. Es gab aber auch so genug
für uns in unserem Stadtteil zu unternehmen, der ja von der Größe her eine
Stadt für sich war.

Unsere Gastfamilie besuchte mit uns einen amerikanischen Soldatenfriedhof aus
dem 2. Weltkrieg, der amerikanisches Hoheitsgebiet ist und mitten in Manila liegt.
Außerdem sahen wir uns den alten, spanischen Stadtteil "Intramuros" aus der
Kolonialzeit an, in welchem auch der philippinische Nationalheld Jose Rizal
bis zu seiner Hinrichtung gefangen gehalten wurde. Wir waren ebenfalls in
Chinatown, dem Stadtteil, in dem die vielen chinesischen Migranten wohnen,
die sehr arm sind.

An einem unserer ersten Tage in Manila machten wir einen Ausflug zu
einem Vulkan, der in einem See liegt. Die Aussicht war wunderschön und
wir sahen das erste Mal die beeindruckende philippinische Natur.
Zwei Wochen später fuhren wir mit unserer Gastmutter und unserem Fahrer
zu einem kleinen Fluss, auf dem wir dann ca. 1 Stunde lang in einem Kanu
paddelten, bis wir an einen Wasserfall kamen. Am Flussufer war die Natur
tatsächlich so, wie man sie sich auf den Philippinen vorstellt, mit riesigen
Bäumen und Palmen. Am Wasserfall stiegen wir auf ein Floß um und wurden mit
weiteren Touristen durch den Wasserfall gerudert. Für uns war dies eines unserer
tollsten Erlebnisse, da wir so die wirklich wunderschöne Natur erlebten und
dabei richtig viel Spaß hatten.

Einen Tag begleiteten wir unseren Gastvater und unsere Gastmutter in ihre Fabrik
und erhielten Einblicke in die Herstellung von Hemden und das Leben
philippinischer Arbeiter, welches sich doch stark von dem Leben
deutscher Arbeiter unterscheidet, obwohl die Konditionen in der Fabrik
unserer Gastfamilie für die Philippinen sehr gut sind, wie unsere Vorgespräche
in Deutschland ergaben. So arbeiten die Filipinos sechs Tage die Woche und haben
auch kaum Urlaub. Auch unsere Gasteltern arbeiteten sehr viel.

An einem anderen Tag besuchten wir die deutsche Botschaft in Manila und
bekamen dort wiederum einen Einblick in das Leben und die Arbeit deutscher
Beamter im Auswärtigen Dienst. Wir wurden von einem jungen Praktikanten aus
Deutschland herumgeführt und bekamen alles sehr genau erklärt, wie zum
Beispiel Visaanträge bearbeitet werden oder Einwanderungsanträge von Filipinos.

Für uns ungewöhnlich und eine neue Erfahrung war, dass wir beide eine große
Attraktion für die Filipinos waren, sowohl in Manila als auch in der Provinz.
Wir fielen durch unsere Größe und Hautfarbe extrem auf, so dass uns, wenn wir
durch die Straßen liefen, zugewunken, zugehupt und Dinge zugerufen wurden.
Es kam auch oft vor, dass wir fotografiert wurden. Teilweise wurden wir
einfach mit fotografiert, wenn wir für eigene Fotos posierten, aber oft
kam es auch vor, dass wir um ein Foto mit der jeweiligen Person
gefragt wurden.


Rückflug
Nach dem traurigen Abschied von unserer Gastfamilie, den Maids und dem Fahrer
begann unser Rückflug. Da während unseres Aufenthaltes in Manila die Lufthansa
den Direktflug von Manila nach Frankfurt gestrichen hatte, mussten wir zunächst
mit Singapur Airlines nach Singapur fliegen, um dort umzusteigen.
Der Flug mit Singapur Airlines unterschied sich deutlich durch seinen
Komfort von einem mit anderen Airlines, so dass wir gerne noch ein wenig
weiter geflogen wären.

Am Flughafen in Singapur merkten wir, wie wir uns in dem einen Monat
weiterentwickelt hatten. Bei unserer Abreise aus Bremen waren wir am
Frankfurter Flughafen verunsichert, so auf uns alleine gestellt zu sein.
In Singapur, einem der größten Flughäfen der Welt, war dies für uns
selbstverständlich und wir hatten keine Probleme, viele fremde Menschen auf
Englisch anzusprechen, um den richtigen Schalter zu finden. Zurück in
Deutschland erwarteten uns unsere Familien und Freunde, denen wir
natürlich sehr viel zu erzählen hatten.

Während unserer Zeit auf den Philippinen sammelten wir viele interessante
Erfahrungen, die uns sicher auch in Zukunft prägen werden. Ein Beispiel
dafür ist die Mentalität der Menschen, die trotz Armut und unsicherer Zukunft,
immer freundlich und gut gelaunt sind. Dies hat uns sehr zum Nachdenken
gebracht, da die Konditionen der Menschen, verglichen mit Deutschland,
doch wesentlich schlechter sind und sie trotzdem viel mehr Lebensfreude
besitzen als wir Deutschen. Manchmal, wenn wir in Geschäften beim
Einkaufen sind, wünschen wir uns auf die Philippinen zurück, wo es
niemals vorkommen würde, dass jemand unfreundlich an der Kasse ist
oder man als Kunde nicht beachtet wird.

Für die Zukunft werden wir versuchen, uns daran zu erinnern und selbst
diese gute Eigenschaft der Filipinos anzunehmen. Die Reise hat uns
ermöglicht, die Welt und auch Deutschland einmal aus einer anderen Perspektive
zu sehen. Unser Verständnis für andere Lebensweisen und -kulturen,
auch wenn sie noch so anders und ungewöhnlich erscheinen, wurde durch
das Leben in einer fremden Stadt in einer Familie gestärkt.
Wir sind dankbar, dass wir diese Reise machen durften.

Wir hoffen, dass wir wieder einmal auf die Philippinen fahren können.
Wir möchten unseren Familien alles zeigen und vermissen unsere
Gastfamilie und dieses tolle Land mit seinen tollen Menschen.

Danke dem OAV und Familie Sudhoff!