Mood-Erfahrung
ERFAHRUNGSBERICHTE
Berichte von bisherigen Gewinnern































Japan 2010 - Alexandra & Josephine


Kurz vor den Sommerferien erhalten wir den Anruf von Frau Meyer. "Ihr
habt es geschafft. Ihr fliegt nach Japan!" Nach einer kurzen Zeit, in der wir
es nicht fassen können, überschwemmt uns die Freude wie eine Sturmflut.
Wir werden das Land, über welches wir das letzte halbe Jahr die
verschiedensten Informationen zusammengetragen haben, mit eigenen Augen
erkunden können!

Familien
Wir werden in zwei Familien untergebracht, die – für tokyoter Verhältnisse –
allerdings äußerst nahe beieinander wohnten. Nur 25 Minuten trennen uns von
einander. Beide Familien kommen aus Deutschland, sodass sie uns viele
Informationen geben und Gesten sowie Verhaltensweisen der Japaner,
die uns zu Anfang ratlos machen, erklären können. Die Familie von Josephine
besteht aus dem Vater, der Mutter, einer Tochter und einem Sohn. Sie hört ihrer
Gastmutter nach dem Abend gerne stundenlang zu und erfährt viel Neues über Japan,
das nicht in Reiseführern und Büchern steht. Alexandras Gastfamilie besteht
ebenfalls aus zwei Elternteilen und vier Kindern, mit denen Alexandra gerne die
Abende verbringt, und nebenbei sieht, wie man als deutsches Kind in Japan aufwächst.

Tokyo
Den Großteil unseres Aufenthaltes in Japan verbringen wir in Tokyo. Wir haben beide
eine U-Bahnkarte und – plan erhalten, und bereits nach ein paar Tagen trauen wir uns
alleine kreuz und quer durch Tokyo zu fahren. Die Metro ist sehr sauber, ordentlich
und geregelt. Nie haben wir Betrunkene oder Hooligans angetroffen, im Gegenteil:
besonders gerne haben wir während der Rush-Hour den unendlichen Strom eleganter Businessmenschen beobachtet. Jeder Stadtteil hat seinen eigenen Charme. Besonders
gefallen uns zum Beispiel China-Town (das uns den großen Unterschied zwischen der
chinesischen und der japanischen Kultur vor Augen führt) und Shibuya. In Shibuya trifft
sich die Jugend Tokyos – hier treffen wir die Jugendlichen, die durch ihre oft sehr (!)
ausgefallene Kleidung ihre Zugehörigkeit zu den verschiedenen Subkulturen bekunden,
über welche wir in unserem Bericht geschrieben haben. Es ist ein Unterhaltungsviertel.
Nicht weit entfernt liegt die Gasse Harajuku, die voller kleiner Geschäftchen ist, in denen
man eben diese Kleidung erstehen kann. Aber auch Geschäfte mit einer Spezialisierung
auf Socken oder barocke Kleider sind hier zuhauf zu finden. In Shibuya und Harajuku umherzuschlendern wird eine unserer Lieblingsbeschäftigungen in unserer "Freizeit".
Ein besonderer Ausflug führt uns während der Kirschblütenzeit zum Ueno-Park. Es ist wunderschön, wenn so viele Bäume die rosafarbenen Kirschblüten tragen.
Unter den Bäumen sitzen Menschengruppen auf blauen Plastikdecken und genießen ihre arbeitsfreie Zeit. "Hanami" wird dieses picknicken auch genannt, was so viel wie "Blüten betrachten" bedeutet. Eine Anekdote am Rande: Häufig reservieren beispielsweise
Firmen einen Platz unter einem Kirschbaum, um alle zu versammeln und gemeinsam zu picknicken. Das reservieren muss meist das jüngste Firmenmitglied übernehmen. Und das bedeutet oft; eine einsame Nacht auf der Plastikdecke zu verbringen, damit niemand den Platz "wegnimmt".

Schulbesuche
Das eine Mal ging es in die "Seisen International School" – eine katholische Mädchenschule,
die sehr beliebt ist, da sie einen sehr guten Ruf hat. Wir müssen dunkle Hosen und eine weiße
Bluse anziehen, damit unsere Kleidung der Schuluniform ähnelt. Es ist eine fröhliche Mischung
der verschiedensten Nationalitäten – Japan, Amerika, Deutschland, Frankreich, Philippinen,
Korea und die Schweiz sind vertreten, wie auch viele andere. Der Unterricht wird auf
Englisch abgehalten und läuft sehr geregelt ab. Es gibt keine Doppelstunden. Eine Unterrichtsstunde beträgt 40 Minuten. Die Atmosphäre in der Klasse ist sehr familiär.
Während der Mittagspause können wir endlich mit den anderen Mädchen sprechen und
erfahren viel über den Schulalltag und was es mit dem "extremen Lernpensum" auf sich hat,
von dem wir in Deutschland schon so viel gehört haben. Alle sind offen und sehr interessiert,
wie es in deutschen Schulen so zugeht. Die zweite Schule ist ebenfalls eine katholische Mädchenschule, allerdings eine japanische. Während unserem Rundgang rufen uns
die Mädchen begeistert "Kawai, kawai!" zu. Kawai? Es heißt süß, erklärt uns die Schulleiterin schmunzelnd.

Leben wie echte buddistische Mönche in Takayama
Zusammen mit Alexandras Gastmutter und Gastschwestern fahren wir nach Takayama
um dort zwei Tage in einem buddhistischen Tempel zu verbringen. Die touristische Altstadt
gefällt uns trotz des miserablen Wetters sehr – die schwarzen Holzhäuser, die Bächlein
am Rande der Gassen und die kleinen, liebevoll restaurierten Geschäfte versetzen uns
zurück in vergangene Zeiten. Der Tempel, der uns als Unterkunft dient, ist an europäische Bedürfnisse angepasst. Trotzdem gewinnt man einen Einblick in das Leben und das
Lebensgefühl der damaligen Mönche. Zum einen ist es recht spartanisch, zum anderen
bitterkalt. Dass liegt daran, dass die Papierschiebetüren, die alle Räume voneinander
trennen, kaum Wärme und Privatsphäre gewähren. Um die Kälte zu überstehen,
gibt es überall kerosinbetriebene Heizöfen, die erstaunlich schnell Wärme verbreiten.
Leider auch einen unangenehmen Geruch, den wir aber gerne in Kauf nehmen.
Außerdem sind unsere Matratzen beheizbar! Auch den Ort, an dem buddhistische
Zeremonien durchgeführt werden, können wir betreten. Er wird auch heute noch genutzt.
Am nächsten Tag folgt ein Ausflug zu einem entlegenen Dorf in den Bergen, das für seine Reethäuser bekannt ist. Es regnet und ist sehr kalt. Im Dorf angekommen, verzaubern
uns die alten Häuser sofort. Nachdem wir ein bisschen herum geschlendert sind, besichtigen
wir ein Haus, das als Museum fungiert. Wir sind begeistern von den schmalen Treppen, dem dunklen Holz, den fremden Arbeitsgeräten und Ausstellungsstücken. Besonders berühren
uns ein Paar winziger Kinderschuhe aus Stroh, das über der Feuerstelle hängt.

Das Samuraidorf Kakunodate
Unseren ersten "homestay" bei einer japanischen Familie verbringen wir in Kakunodate,
einem kleinen Dorf im kalten Norden. Familie Kogita begrüßt uns herzlich. Doch wie werden
wir uns bloß verständigen? Frau Kogita nimmt uns die Antwort ab, in dem sie lächelnd
mit ihren Händen erklärt sie werde uns etwas zu trinken machen. "Hotte grean Tei?" – "Yes, please".
Unsere Gastfamilie ist groß. Jeden Abend schneien neue Mitglieder rein, die uns alle
aufmerksam und freundlich begrüßen, bevor sie sich zu uns auf den Boden setzen und
gemeinsam mit uns am niedrigen Tischchen die japanischen Gerichte verzehren.
Trotz unserer Sprachbarrieren können wir uns gut unterhalten und viel über das Leben
unserer Gastfamilie erfahren. Wir lernen einige kulinarische Spezialitäten kennen
(unter anderem gegrillte Grashüpfer) und erfahren mehr über den Umgang miteinander
in Japan. Auffällig ist zum Beispiel die strikte Rolleneinteilung: die Frauen räumen auf,
kochen, decken den Tisch und umsorgen alle. Die männlichen Familienmitglieder sitzen
während dessen an den Tischchen und unterhalten sich. Sie sind erschöpft von der Arbeit,
die sie oft erst gegen 20:00 abends verlassen. Auch in Sachen Kindeserziehung müssen wir unsere vorgefassten Meinungen revidieren. Wir haben uns zuvor ausgemalt, dass die
Kinder sehr wohlerzogen, ruhig und unauffällig sein würden und sie bei störendem
Verhalten sogleich "zurechtgestutzt" werden. Oder aber dieses Verhalten würde mit Nichtbeachtung gestraft werden, wie es die drei Affen von Nikko vormachen:
nichts (Böses) hören, nichts (Böses) sehen, nichts (Böses)
sagen. Doch weit gefehlt! Manchmal herrschen ein buntes Chaos und Lärm, dass wir uns
nur brüllend unterhalten können. Auch verbreiteten die Kleinen (2,3,4,5 Jahre) ihr Spielzeug
wild umher, tobten und lachten. Dabei wurden sie ab und zu von ihren Müttern
zurechtgewiesen, wenn sie allzu wild wurden und jemandem weh taten oder etwas umstießen.
Ansonsten wurde ihr Verhalten wohlwollend aufgenommen. Dies verwunderte uns, freute uns jedoch auch, denn es zeigte uns, wie "normal" und "menschlich" auch die japanischen
Kinder sind. Am ersten Tag führen unsere Gasteltern uns über eine breite Allee
zu den berühmten Samuraihäusern. Wir werden von einem englischsprachigen Japaner
durch eines von ihnen geführt. Dabei erklärt er uns ihre Besonderheiten: Drei Eingänge führen
in ihr Inneres, wobei jeder Eingang eine bestimmte Ranghöhe voraussetzt. So ist der Haupteingang den ranghöchsten Gästen bzw. den Familienmitgliedern vorbehalten. Das Gästezimmer ist der größte Raum des Hauses und spiegelt damit die große Höflichkeit
der Japaner wieder. Jeder Raum ist mit Tatamimatten ausgelegt. Wir verlieben uns in die
uralt aussehenden, ausgeklügelten Schnitzereien an den Decken, die von Drachen und
anderen Fabelwesen erzählen.

Atemlos am Tazawa-See
Am letzten Tag fahren wir durch die verschneiten Berge bis zu einer kleinen Anhöhe, auf
der wir aussteigen – und über einen riesigen See auf die Umrisse schneebedeckter
Gipfel blicken. Es ist wunderschön hier, vielleicht der schönste Anblick der gesamten Reise.
Hier, am tiefsten See Japans, der nie zufriert. Im Sommer ist es ein beliebter Campingplatz,
doch heute ist keiner hier. Die Stille ist vollkommen. Weiter geht´s am See entlang.
Ab und zu halten wir an Gebetshäuschen oder Schreinen. Wir schlängeln uns immer höher,
vorbei an meterhoch aufgetürmten. Schneebergen Einmal wir rutschen gefährlich weit, denn
die Straßen sind komplett vereist. Trotzdem drosselt unser Fahrer das Tempo nicht,
sondern fährt mit schlappen 60 km/h statt 20 oder 30 km/h weiter. Josephine hat Angst
und Alexandra wird schlecht. Doch wir überstehen die Fahrt ansonsten ganz gut. Die nächste Station ist ein berühmtes Onsen (heiße Quellen). Hier ist es wunderschön, mit den kleinen Holzhäuschen inmitten des vielen Schnees und dazwischen die Bäder... Viele Japaner kommen hierher, weil sie den Quellen heilende Wirkungen nachsagen. Das türkise Wasser ist aufgrund
der Mineralien milchig und angenehm warm. Doch der hohe Schwefelanteil verbreitet einen starken Geruch nach faulen Eiern. "Lange würden wir es hier nicht aushalten" sind wir
beide uns einig.

Zweiter Homestray in Kamakura
Unser nächster homestay in einer japanischen Familie findet in Kamakura statt – die Stadt
der bekannten Buddhastatur. Kamakura ist eine ehemalige Hauptstadt Japans und liegt nicht
weit entfernt von Tokyo an der Sagami-Bucht. Die Gastfamilie besteht aus Herr und
Frau Norji sowie einer Deutschen Bulldogge. Sie nehmen uns herzlich bei sich auf.
Beide sprechen sehr gut Englisch, da sie zwei Jahre lang in Amerika gelebt haben.
Am ersten Tag in Kamakura nimmt Frau Nojiri uns mit zum Großen Buddah (Daibutsu).
Es ist mit 11,40 Metern Höhe und einem Gewicht von 93 Tonnen, die zweitgrößte Statur
und gilt als die schönste und vollkommenste Buddahfigur Japans. Ein Kieselweg führt
geradewegs auf ihn zu. Wir bleiben erst einmal in einiger Entfernung stehen und lassen
das Gewusel, die Statue und den hübschen Garten drum herum auf uns wirken,
bevor wir uns ehrfürchtig nähern. Auch der Tsurugaoka Hachiman-Schrein ist etwas ganz besonderes. Er ist dem Kriegsgott Hachiman geweiht. Eine von Menschen überquellende Kirschblütenallee führt uns zu ihm. Die Seiten zieren Souvenirgeschäfte aller Art.
Zwei oder drei gigantische japanische Tore überbrücken die Allee. Der Schrein selbst
liegt auf einer Anhöhe, sodass er schon von Weitem gut zu sehen ist. Steigt man die
Treppen zu ihm hinauf, hat man einen herrlichen Blick über die Allee und ganz Kamakura.
Die dominanteste Farbe ist rot, obwohl er eigentlich sehr bunt ist. Leider ist vor einem
Monat ein riesiger, ebenfalls 800 Jahre alter Baum umgestürzt. Doch es wächst bereits
ein neuer Spross – zufällig. Die Japaner halten dies für ein Zeichen, oder ein kleines Wunder.

Ausflug nach Kyoto
Zwei Tage vor dem Rückflug nach Deutschland fahren wir spontan mit Alexandras
Gastmutter nach Kyoto. Im Morgengrauen brechen wir auf, denn die Fahrt dauert mehrere Stunden. Wir besichtigen eine alte Burg mit einem sogenannten "Nachtigallenboden".
Betritt man ihn, quietscht und knarrt er fürchterlich. Dieser "Gesang" verriet in alten Zeiten
jeden unerwünschten Gast, sodass die Burgbewohner vor Einbrechern sicher waren.
Auch den berühmten "Goldenen Pavillon" können wir besichtigen. Er sieht in Wirklichkeit
genauso schön aus wie auf Fotos. Nach dem Goldenen Pavillon geht es schließlich zum Kaiserpalast. Hier müssen wir vorher Zettel mit persönlichen Angaben ausfüllen,
damit unser Besuch genehmigt wird. Da wir zusammen mit einer anderen Reisegruppe
die einzigen Besucher sind, können uns die Gebäude hier in Ruhe anschauen.
Uralte, kunstvolle Wandmalereien zieren die Gemächer des Kaisers. Auch hier treffen
wir auf einen Nachtigallenboden. Kyoto ist atemberaubend! Schade, dass unser Besuch
so kurz ausfällt. Wir hätten gerne den Philosophenweg genauer unter die Lupe genommen,
und mit Frauen dort gesprochen, die wie echte Geishas aussahen.

Die Rückreise
Am 16. April müssen wir traurig Abschied nehmen. Doch genau zu dieser Zeit bricht der isländische Vulkan "Eyjafjallajökull" aus. Wir erwischen noch ganz knapp den letzten Flug
der Woche nach Deutschland, landen in München Not und suchen verzweifelt nach einer Route
nach Bremen. Wir haben Glück und können exakt 3 Minuten vor seiner Abfahrt die Tickets
für den letzten Zug an diesem Tag nach Bremen kaufen. Puh!

Interessante Entdeckungen und Informationen
Da Tokio eine riesige Stadt ist, können Fahrten in der Metro manchmal über eine Stunde
dauern. Doch auch auf kurzen Fahrten, in Konferenzen oder beim Warten begegnet
einem Inemuri: ein typisch japanisches, öffentliches Nickerchen, bei dem der Schlafende
noch wach genug ist, bei der richtigen Station auszusteigen. Essen ist eine private
Angelegenheit, und wird daher nicht in der öffentlichkeit getan. Daher haben Restaurants oft Milchglas bis zu einer bestimmten Höhe, sodass Gäste vor den Blicken der Passanten
"geschützt" sind. Bärte sind uns auf unserer Reise kaum begegnet. Wie in vielen
Ostasiatischen Ländern galt Gesichtsbehaarung lange Zeit als vulgär. Im Jahr 2004
kämpfte ein Postbote sogar gerichtlich für sein Recht, einen Bart zu tragen,
da dies für Postboten gesetzlich verboten ist (die Süddeutsche Zeitung berichtete).
Mittlerweile werden (gepflegte!) Bärte allerdings wieder modern. Baumkuchen ist eine
sehr beliebte Süßspeise in Japan. Wir haben unzählige Cafés gesehen, die sich auf
Baumkuchen spezialisiert haben. Nach einem Giftgasanschlag auf die tokyoter Metro
wurden Mülleimer in Tokyo weitestgehend abgeschafft. Man trägt seinen Müll gewissenhaft
in Tüten nach Hause, um ihn dort zu entsorgen. Insgesamt ist Tokyo eine unglaublich
saubere und gepflegte Stadt. Wir haben nie verschmutze Orte gesehen. Auch die Luft
ist frisch und klar. Rückblick Der Monat in Japan war für uns beide eine unglaublich tolle
Erfahrung.
Wir sind selbstsicherer geworden und haben unsere Scheu vor fremden Menschen abgelegt.
Viele Informationen über Japan haben wir uns vor der Reise angelesen, doch ihre Kultur
selbst zu erleben und zu leben ist etwas ganz anderes. Japan hat uns unter anderem eine
Chance gegeben, unsere eigene Lebensweise und Wertevorstellungen zu überdenken und mit neuen Meinungen nach Deutschland zurück zu kehren. Wir haben uns sehr wohlgefühlt
in dieser fremden Welt, weil sie uns mit außerordentlicher Freundlichkeit und Höflichkeit aufgenommen hat. Deswegen können wir abschließend sagen: wir sind gern in die japanische
Welt eingetaucht und kommen mit wertvollen Schätzen zurück!